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»Vergessene Flüchtlingslager in Bosnien-Herzegowina«

Brief einer Frau aus dem Camp Špionica

 

Ende Juli 2008 haben wir im ostbosnischen (bei Srebrenik gelegenen) Flüchtingscamp Špionica unser Projekt »Vergessene Flüchtlingslager in Bosnien-Herzegowina« (»Zaboravljeni izbjeglički kampovi Bosne i Hercegovine«) begonnen. Der Untertitel des Projekts, das wir gemeinsam mit der bosnischen Organisation Link durchführen, lautet: »Meine Vergangenheit. Meine Gegenwart. Meine Zukunft.« (»Moja prošlost. Moja sadašnjost. Moja budućnost.«).

Špionica, Bosnien und Herzegowina

Foto: Benjamin Bieber (2008)

Ziel war und ist es, daß die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Camps ihre Lebenssituation dokumentieren. Ob als Tonaufnahme oder als Videosequenz, ob als gemaltes Bild (speziell für Kinder interessant) oder als Brief: Jede und Jeder sollte Gelegenheit haben, das eigene Schicksal, den eigenen Alltag, aber auch die eigenen Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft festzuhalten. ´

Im folgenden dokumentieren wir einen Brief, den wir von einer im Camp lebenen Frau erhalten haben.

Brief einer Frau aus dem Camp Špionica, Juli 2008 (anonym)

»Können Sie sich vorstellen, in einem 16m2 Raum zu leben? Schwer. Aber Sie wohnen nicht allein. (Glück? Na, dann sind Sie mindestens nicht einsam). Mit Ihnen wohnt Ihre Ehefrau - die Mutter Ihrer zwei Kinder -, Ihr Bruder und seine Frau, deren Kinder und Ihre Nachbarn. In Ihrem Haus gibt es noch fünf solcher Räume mit einer Vielzahl von Menschen und einer Toilette. Können Sie noch atmen? In unserer Nachbarschaft gibt es noch 19 weitere  solcher Häuser, aneinander angelehnt. Die Frage ist nur, wie viele von uns wohnen dort eigentlich. 300? 400? Unser Glück ist saubere Luft. Man kann so viel Zeit draußen verbringen, miteinander rumhängen, sich unterhalten, arbeiten?!? Aber es gibt nichts da draußen!!! Vor dem Eingang ist viel Matsch. Sie bewegen sich Richtung Eingangstür. Wohin jetzt? Zur Arbeit? Sie haben keine. Zu den Freunden? Oh nein, da ist ja genauso viel los. Doch, wir gehen spazieren, draußen, laufen um die Siedlung herum und stellen uns zum zig’sten Mal die Frage, was wohl der Rest der Bewohner von diesen winzigen Zimmerchen momentan tun.

Camp Špionica, 2008

Foto: Benjamin Bieber (2008)

Warum ist niemand draußen? Ich habe Lust auf ein Gespräch. Ich würde so viele Fragen stellen, ich würde mit ihnen meine Probleme teilen, doch es ist keiner da. Kann es sein, dass alle schlafen? Nein!! Es ist so verdammt einfach, in so einem kleinen Raum einsam zu sein. Und um dich herum wohnen 300 oder gar 400 Seelen. Es wird kalt. Ich kehre zurück in mein Zimmer zu meiner Familie. Ich liebe sie so sehr, doch das Gefühl, das man hat, wenn man das Zimmer betritt, wenn alle schlafen, ist voller Unbehagen. Ich suche nach ein wenig Platz, um mich mit meinem müden Körper hinzulegen. Ich werde panisch. Ich frage mich: ist das ein Albtraum? Wer bin ich? Wo bin ich? Träume ich? Oh, nein, nein, ich träume nicht. Ich bin die Ver-triebene, der Flüchtling, einen Internal Displaced Person, wir haben viele Namen. Alle, außer dem eigenen. Wir sind vergessen, wir sind schon längst überwundene Zeugen der Vergangenheit, Zeugen vom Aussterben einer Nation, eines Staates, einer Jugend, eines Volkes. Ich war ein Jahr alt, als meine Welt zusammenbrach. Ihr [Frauen aus dem Camp, d.R.] denkt alle nicht gerne an die ersten Jahre Eures Lebens.

Camp Špionica, 2008

Foto: Benjamin Bieber (2008)

Ihr versucht, diese Momente aus dem Gedächtnis zu löschen, zu vergessen wo ihr geboren seid, wer euren Vater getötet hat, Großvater … Euch. Ihr seid eine von tausenden Vertriebenen, ihr lebt im »Kamp«, in einer Flüchtlingssiedlung, einer sozial isolierten Gemeinde. Ihr seid separiert. Lebt ihr wirklich? Die anderen haben Euch das alles angetan, aber warum tut ihr das Euren Kindern an? Das ist das Dilemma, das übrig geblieben ist. Nichts ist mehr wichtig. Nur sie. Werden sie auch zu einer bloßen Nummer bei den Behörden? Oder wird ihr Leben einen Sinn haben?«

Zur Situation in den Camps

In den Camps gibt es zahlreiche, auch struktrelle, Probleme:

·       ungelöste Abwasser-/ Abfallprobleme, offene/ ungeschützte Müllplätze in den Camps

·       im Sommer 2006 gab es in bspw. Mihatovići einen Meningitisfall

·       nicht nur die Flüchtlingsgeneration ist in Camps untergekommen; inzwischen ist eine neue Generation hinzugekommen, die nie in einer anderen Umgebung außerhalb des Camps gelebt hat (=Ghettobildung)

·       Starker Schimmelbefall in den Häusern

·       Hygienische Verhältnisse unzureichend, bspw. schlechte Wasserqualität

Innenansicht eines Wohnhauses im Flüchtlingscamp in Špionica

Foto: Benjamin Bieber (2008)

Im Tuzla Kanton gelegene Camps:

·       Špionica (bei Srebrenik)

·       Mihatovići (kurz vor Tuzla)

·       Živinice (nahe Tuzla/ Eagle Base)

·       Banovići (nahe Tuzla)

»Die Lebensumstände in diesen Zentren sind sehr schlecht (z.B. Zentrum Jezevac/ Banovići sollte besucht werden, um sich dort vor Ort von den Lebensumständen der Menschen zu überzeugen). In den Zentren sind überwiegend ältere Personen untergebracht, die auch nach der Rückkehr bzw. nach dem ihre Wohnobjekte renoviert sind, weiterhin einer Pflege bedürfen. Jede Hilfe und jedes Sozialprojekt ist willkommen.«, so das Ministerium für Menschenrechte und Flüchtlinge (Sarajevo) in einer Mitteilung an uns vom 2. Juni 2008.

Flüchtlingscamp in Živinice 2004

Foto: Benjamin Bieber (2004)

Textfeld: Probleme in den Camps

Textfeld: In den Camps gibt es zahlreiche, auch strukturelle, Probleme:
•	ungelöste Abwasser-/ Abfallprobleme, offene/ ungeschützte Müllplätze in den Camps
•	im Sommer 2006 gab es in bspw. Mihatovići einen Meningitisfall
•	nicht nur die Flüchtlingsgeneration ist in Camps untergekommen; inzwischen ist eine neue Generation hinzugekommen, die nie in einer anderen Umgebung außerhalb des Camps gelebt hat (=Ghettobildung)
•	Starker Schimmelbefall in den Häusern
•	Hygienische Verhältnisse unzureichend, bspw. schlechte Wasserqualität

 

Textfeld: Download

Textfeld: Brief aus Špionica – pismo iz Špionice

 

Textfeld: Links

Textfeld: Ministerium für Menschenrechte und Flüchtlinge
Ministarstvo za ljudska prava i izbjeglice

 

 

 

 

© Forschungsgruppe Bosnien, Stand: 22.05.2010 06:19:37, Redaktion: Dr. Benjamin Bieber

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